Als Erstkunde der Alive bei 1. Klasse möchte ich gerne eine etwas ausführlichere Rezension zu diesem außergewöhnlichen Boot abgeben:
Für alle die wenig Zeit zu lesen haben, hier die Kurzfassung:
Die Alive ist eine Wucht. Sie segelt schnell, hoch und stabil. Uns hat niemand überholt, wirklich niemand. Auch andere X-Yachten haben wir überholt (sehr zum Unmut deren Skipper). Hafenmanöver sind mit dem Einzelruder, Bugstrahler, starker Maschine und ausreichend Leinen gut zu bewerkstelligen. Der Wohnkomfort ist ebenfalls prima. Sogar eine Nespressomaschine ist vorhanden. Und der Eigner spendiert Kaffeekapseln, Wein, Bettwäsche und Handtücher. Kurzum: Unbedingt mal machen.
Hier nun die etwas ausführlichere Fassung:
Die Alive ist eine X4.3 Mk II, also die von X-Yachts noch einmal verbesserte Version mit besserem Ruder, höherer Formstabilität und nochmal etwas mehr Segelfläche. Die Alive war das 2023-Vorführboot von X-Yachts und ist daher sehr umfangreich ausgestattet. Sie lief schon eine Saison in der werfteigenen Charter, ist aber ansonsten brandneu und riecht noch angenehm nach neuem Boot.
Segeln:
Wir sind zuletzt mit verschiedenen Dehlers unterwegs gewesen und wollten deshalb unbedingt mal eine X ausprobieren. Und ja, die X ist eine ganz andere Liga, was die Verarbeitung und die Segeleigenschaften angeht.
Die Alive ist bei jedem Wind flott unterwegs. Am Wind stehen fast 100 qm Segelfläche feinstes Performance-Laminat – das ist eine Hausnummer. Bei lediglich 6kn Halbwind fährt das Boot ebenfalls 6kn. Bei Wind von 15kn und mehr sind halbwinds und raumschots schnell 8-10kn über Grund drin. Damit gehen auch lange Schläge gut.
Beeindruckend fanden wir, welche Höhe die Alive fahren kann. 40 Grad und weniger zum wahren Wind waren kein Problem. Bei 13kn wahrem Wind sind immer noch 6kn Fahrt durchs Wasser drin. Dabei saugt sich das Boot förmlich nach Luv, hat erstaunlich wenig Abdrift und lässt sich schön an der Windkante steuern.
Die Alive will aktiv gesegelt werden. Aufgrund der schieren Leistung ist richtiger Trimm ganz wichtig. Wer nicht weiß, wie man die Segel bei viel Wind unter Zuhilfenahme aller Trimmeinrichtungen (Schoten, Genuaschlitten, Großschot-Traveller, Achterstagspanner, Baumiederholder) flach trimmt und die Segel zu bauchig stehen lässt, wird mit unkomfortablem Segeln mit viel Krängung „bestraft“. Aufgrund der riesigen Segel muss auch frühzeitig gerefft werden. Bei 12kn wahrem Wind und einem Amwind-Kurs weht schnell ein scheinbarer Wind von 18kn durch die Segel. Bereits bei 16kn scheinbarem Wind kann und sollte man das Reff 1 einbinden, ohne dadurch Geschwindigkeitsverluste hinnehmen zu müssen. Reffen geht mit dem Einleinenreffsystem einfach. Man kann die Segelfäche durch Reff 2 im Groß und Rollreff in der Genua auf gefühlt 50% verringern. Bei viel Wind (über 20kn) ist aber auch das immer noch (zu) viel.
Einziges Manko ist, dass die Großsegellatten sehr (um nicht zu sagen: zu) stark gespannt sind. Dadurch steht das Groß immer bauchig, auch wenn man es bei viel Wind eigentlich ganz flach trimmen will. Bei wenig Wind neigen die Großsegellatten dagegen dazu, bei einer Wende nicht mit zu „wenden“, sprich, das Großsegel-Profil ist ein „S“ statt einem „C“. Der Gegenbauch kostet Vortrieb. Da hilft es nur, mit dichtgenommenen Segeln auf Halbwindkurs zu gehen. Dann kommen die Segellatten rum. Zudem kann es bei angezogenen Achterstag passieren, dass die zweite Segellatte bei einer Halse am Achterstag hängen bleibt. Da hilft , das Achterstag zu lösen und einmal mit der Hand durchzuschwingen.
Wir haben den optionalen Gennaker dazu genommen. Dieser kommt im Bergeschlauch und wird in der genialen Segellast hinter dem Ankerkasten verstaut. Der Gennaker hat 140 qm und scheint vom Zuschnitt her ein Cruising A3 zu sein. Wir kamen damit bis 160 Grad tief und bis 70 Grad an den scheinbaren Wind hoch – also eine sehr ordentliche Abdeckung an Kursen. Ein Wermutstropfen: Der Gennaker hat nur eine Schot. Halsen geht also nicht. Für den Bereich von 170-180 Grad, also platt vorm Wind, wäre ein Spibaum zum Ausbaumen der Genua zum Schmetterling prima, gibt es aber leider nicht.
Wichtig zu wissen: Die Mastrutscher des Großsegels laufen nicht sonderlich leicht. Zum Bergen muss also jemand auf die Maststufen hochklettern und das Groß per Hand runterziehen. Gerade bei Welle ist das kein Vergnügen. Ebenso ist das „Verpacken“ des Großsegels etwas aufwändiger. Um maximale Performance rauszuholen, hat das Boot keine Lazybags. Das Groß muss also am Ende eines jeden Segeltags aufgetucht und festgebändselt werden. Dann müssen die Lazyjacks weggebunden und anschließend die Persenning über das Segel gezogen werden. Für all diese Arbeiten hat man besser Großgewachsene in der Crew.
Maschine:
Die Maschine ist stark, aber auch vergleichsweise laut. Bei 2000 U/min Marschfahrt macht die Alive 6,5kn durchs Wasser. Bei „Hebel auf dem Teller“ sind auch 8kn drin, wenn man es denn wirklich eilig hat. Wir haben im Schnitt 4,6 Liter pro Stunde verbraucht (für Marschfahrt und Hafenmanöver).
Hafenmanöver:
Hafenmanöver gehen prima. Die starke Maschine mit dem Einzelruder lässt einen gut manövrieren, auch bei mehr Wind. Das Bugstrahlruder läuft angenehm leise und unterstützt bis ungefähr 4bft. Bei mehr Wind lässt sich die Drehbewegung mithilfe des Bugstrahlers nur verlangsamen, aber man kommt nicht mehr gegenan. Dann ist Leinenarbeit angesagt. Zur Verfügung stehen dafür zwei lange und vier kurze Leinen.
Bei der Hafenwahl sind die Abmessungen des Bootes zu berücksichtigen. Dänische Südsee ist mit 2,20m Tiefgang schwierig, viele Inselhäfen haben nur 2m. Und in dänischen Häfen mit den 4m Breite eine Box zu finden, ist ebenfalls nicht immer leicht.
Navigation:
Die Alive hat einen Kartenplotter am Steuerbord-Steuerstand, der gut zu bedienen und abzulesen ist. Daneben gibt es zwei Multifunktions-Displays am Niedergang. Die können zwar auch als Kartenplotter genommen werden, allerdings nicht bequem. Außerdem raucht man die beiden Displays für die relevanten Daten zum Segeln.
Unter Deck gibt es leider keine Navi. Die Alive hat zwar neueste Raymarine-Produkte, die alle auf ein Tablet gespiegelt werden können. Ein Tablet gibt es aber nicht. Und um die Daten auf das eigene Tablet zu spiegeln, bräuchte man wohl ein Raymarine-Konto, das mit dem der Alive verknüpft ist. Daher blieb uns faktisch nur der Plotter am Steuerstand.
Wohnkomfort:
Aufgrund ihrer Ausmaße hat die Alive unter Deck viel Platz, große Kojen und sehr viel Stauraum. Wir haben uns sehr wohl gefühlt. Auch Pütt und Pann sind vollständig. Das Einzige, was wirklich gefehlt hat, sind Haken, vor allem in den Nasszellen, um mal nasses Ölzeug aufhängen zu können.
Fazit:
Wir hatten noch nie so ein tolles Boot. Segeln mit der Alive macht richtig Spaß. Sie segelt wirklich schnell und hoch, und dabei sicher. Können wir nur wärmstens empfehlen.