Das Boot bietet ein beeindruckendes Platzangebot unter Deck wie an Deck und sehr angenehme Segeleigenschaften. Ich schließe mich den Einschätzungen der anderen Kommentare an. In meinen Worten / denen meiner Crew (wir waren zu acht) könnte man wohl 7 bis 8 von 10 Punkten vergeben:
Vier Nasszellen sind ganz nett als Stauraum (wir reduzieren unseren Auwand, indem wir die Hygienesiegel der Charteryachten seit Jahren nicht antasten.) Niemand von uns hätte gelitten, wenn die eine oder Nasszelle zugunsten eines Navigationsplatzes gestrichen worden wäre, der den Namen verdient. Immerhin haben wir zu acht gut am Salontisch platz gefunden. Mit Maximalbelegung (10) wäre das allerdings sportlich geworden. (Vielleicht würde eine 10er-Crew an dieser Stelle gerne eine weitere Nasszelle opfern? ;) ) Schön im Komfortbereich ist das viele Tageslicht, das durch die vielen Fenster hereinflutet. Die Fenster, die unterwegs gelegentlich unter die Wellen schneiden, sind ein faszinierender Blickfang und die Liegeflächen unter der Sprayhood neben dem Niedergang habe auch ich als Skipper gelegentlich genossen.
Das Boot geht gut voran - auch wenn es meine bisher längste Charteryacht war, glaube ich, dass es unter flott zu verbuchen ist, wenn wir regelmäßig über 8 kn unterwegs waren und gelegentlich die 10er-Marke geknackt haben. Sie liegt dabei immer angenehm neutral auf dem Ruder und wird nur unlenkbar, wenn die Segelfläche nicht rechtzeitig verkürzt wurde. Gleichwohl versucht sie nicht unwirsch in den Wind zu schießen, sondern mag nur einfach nicht mehr recht abfallen. Einfach Reffen und das Thema ist erledigt und wegen der dann wieder besseren Steuerbarkeit verliert man nicht mal ernsthaft an Fahrt. Das hat großen Spaß gemacht.
Warum nur 8 von 10 Punkten?
1. Wie angedeutet: Ein Boot dieser Größenordnung verdient einen nennenswerten Navigationsplatz. Oder anders: Auf dem Achterdeck eines Piraten ist mehr platz für eine Karte!
2. Ich habe gerade eine offene Nussschale von 4,60m erstanden und halte Ausschau nach einem geeigneten Kompass. Da gibt es ein Modell von Plastimo, das ich nach Betrachtungen im Internet ausgeschlossen habe: Ich glaubte nach meiner Einschätzung, die Rose sei zu klein, um sie gut abzulesen und ich hätte dafür gerne außerdem versetzte Steuerstriche. Wer hätte es gedacht? Bruno hat genau diesen (für meinen "460er" auf Basis meiner Einschätzung verworfenen) Kompass als Steuerkompass montiert. ... und hat meine Einschätzung für die Nussschale bestätigt. Auf Bruno verliert er sich geradezu und wer danach steuern WOLLTE, müsste sich in die Mitte zwischen die Räder stellen, um überhaupt den Steuerstrich sehen zu können. Das sieht ziemlich lustig aus, ist aber unpraktikabel.
3. Ich muss noch etwas weiter auf der nautischen Praktikabilität herumreiten, aber fürs Segeln hatten wir schließlich gechartert. Fürs richtige Verständnis: Ich liebe die klassische Navigation und muss immer etwas an mich halten, die modernen Hilfen nicht zu sehr abzuwerten. Allerdings: Der - eine(!) - installierte Plotter ist in Format und Lichtstärke auch für mich etwas minimalistisch unterwegs und begann auf unserem ersten probeschlag auch noch zu maulen, er habe kein GPS-Signal. Damit könnte ich noch leben, denn weniger ist mehr und es war ein enthusiastischer Jungsegler dabei, der richtig "Bock" hatte, sich auch mit der Navigation auseinanderzusetzen. Ausschalten und klassisch navigieren. Aber: Eine selbstständige, leicht lesbare Anzeige für z. B. Tiefe und Geschwindigkeit - wie sie inzwischen sogar auf kleineren Yachten meist beiderseits verfügbar ist - fehlte auf Bruno gänzlich. Und ja, es gibt ein Tablet an Bord, das seinerseits auch bei der Navigation unterstützen könnte, allerdings: siehe oben. Wir wollen doch segeln und uns nicht mit der Einarbeitung in Elektronik herumärgern.
4. Analog zu der allgemeinen Ausbaufähigkeit des nautischen Aspekts auf Bruno würden wir uns noch rote - oder zumindest differenzierter schaltbare - Beleuchtung unter Deck wünschen: Wenn man im Dunklen steuert, ist die Festtagsbeleuchtung unter Deck eine wesentliche Störung, Die Schotten zu schließen reduziert das Licht wenig aber die Kommunikation mit dem Navgast erheblich und der braucht das Salonlicht, denn eine eigene Lampe hat er auch nicht bekommen.
Noch ein Punkt muss erwähnt werden, weil es nicht das erste Mal war, dass wir Saisonersteinsetzer eines eilig zu Wasser gelassenen Boots gewesen zu sein scheinen: Einige Leinen waren recht schwergängig. Das hat sicher Ursachen, die auf einem sehr liebevoll gepflegten Boot wahrscheinlich unbekannt wären, aber die arme Bruno muss ja das Leben einer Charteryacht führen. Ein Großfall, das wir unterwegs ersetzen mussten, kann man unter interessanter Herausforderung verbuchen, es kann aber auch bös ins Auge gehen und ob man sich dann unbürokratisch darauf einigt, dass der Skipper immerhin keine schlechtere Materialprüfung gemacht hat als Vercharterer und der Eigner . . . Wer weiß! . . . Und die Großfallklemme rutscht immer noch!
Zusammenfassung: Für Schönwettersegler und Comfortfetis ein tolles Boot mit tollen Segeleigenschaften. Für die Kritikpunkte kann das Boot selbst nichts und die Landcrew des Vercharterers stand schnell bereit, um Themen (wie den nöligen Plotter oder Spiel in der Ruderanlage) auszuwetzen.